Bereits seit einiger Zeit habe ich ueber meinen Werdegang nach der Uni nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass vorerst an der Uni zu bleiben keine schlechte Idee waere. Eben drum war ich auch sehr dankbar dieses Forschungspraktikum in Australien absolvieren zu koennen. Die meisten fragen mich wie ich denn in dem fremden Land so klarkomme und wie es sich mit Guenni zusammen lebt und ob ich mich eingelebt habe. Seltsamerweise ist das alles kein Problem gewesen. Ich fuehle mich inzwischen schon hier in Melbourne wie in MD. Klar war vieles am Anfang neu, aber nach zwei Monaten holt mich dann auch der Alltag ein. Man weisz wo man einkaufen gehen muss, kennt auch endlich die Namen der anderen Uni-Mitarbeiter (was nicht heiszt, dass ich sie alle richtig aussprechen kann...), hat hier und da ein paar nette Leute gefunden und geht hier so seinen Weg. Am Anfang haette ich wahrscheinlich spontan sehr vieles aufzaehlen koennen, was an Melbourne anders als an Magdeburg ist, und obwohl diese Unterschiede immernoch da sind, nehme ich sie bereits kaum noch wahr. Ich habe mich hier also eingelebt und auch schon halbwegs sozialen Anschluss gefunden. Mein Supervisor Kent ist sehr nett und die Maedels vom Volleyball werde ich sicher auch noch genauer auf den naechsten Turnieren kennenlernen. Dieses Wochenende steht uebrigens ein Turnier in Bendigo an.
In diesem Eintrag moechte ich mich vor allem einem ernsteren Problem widmen: der Motivation. Anfangs haben Guenni und ich den Tag von 9 Uhr morgens bis zehn Uhr abends in der Uni verbracht. Schlieszlich moechte man gerne mit allen in Kontakt bleiben und auch noch den noetigen Unikram nebenbei machen. Nach sechs Wochen kam dann jedoch die grosze Ernuechterung: wir waren beide mit unseren Recherchen noch nicht viel weiter. Wochentag fuer Wochentag sitzen wir im Buero und versuchen uns durch wissenschaftliche Paper zu quaelen. Wir sitzen auf unbequemen Stuehlen und starren den Bildschirm an. Nach einer gelesenen Seite eines Papers belohnt man sich dann erst einmal mit vermeindlich kurzem Internetsurfen oder einem Spiel. Leider dauert die Ablenkung oftmals zu lange an und man findet sich 16 Uhr auf die Uhr guckend und keinen Schritt weiter vor. Klar, dass man dann noch laenger in der Uni bleibt um doch etwas Unikram zu schaffen, aber wie effektiv kann man abends um zehn noch arbeiten? Nach diesen sechs Wochen wusste ich also, dass es nicht so weiter gehen kann. Ich beschloss mich auf die Arbeit wirklich zu konzentrieren und meinen eigenen Rhythmus zu finden. Gerade wenn man zu zweit den Tag verbringt, neigt man dazu sich an den Rhythmus des anderen anzupassen, aber Guenni und ich sind da einfach zu verschieden. Wie sieht mein Plan fuer die Zukunft also aus? Um neun im Buero sein und es versuchen gegen fuenf zu verlassen. Dank der neuesten Zeitumstellung, sind viele in Deutschland aber erst nach 17 Uhr wach, wodurch man doch ab und zu noch etwas laenger im Buero haengen bleibt. Wichtig ist fuer mich nur, dass ich das Buero dann verlasse und danach irgendetwas sinnvolles tue. So waren wir zum Beispiel letzten Freitag im von Studenten aufgefuehrten Theaterstueck MacBeth, Samstag zu einem Konzert in einer Bar und ich dann am Sonntag in der Brunswick Rd. shoppen. Mittwoch steht Volleyballtraining an und ich versuche mich auch sonst noch das eine oder andere Mal zu sportllichen AKtivitaeten zu zwingen, auch wenn ich meistens viel lieber schlafen gehen wuerde. Mit einem anderen Mitbewohner unseres Flurs bin ich schon in Kontakt gekommen und wir haben 2,5 Stunden Tischtennis gespielt und er hat mir dabei noch einige Eigenheiten von Australien und Aussis erklaert, die ich sicher portionsweise im Blog zum Besten geben werde. Jeder fragt uns auch immer: wohin wollt ihr denn ueberall reisen? Was habt ihr geplant, was schon gesehen? Bisher hat die Ausrede des Geldes immer als Schutzschild gedient, gestern jedoch habe ich den Entschluss zu handeln gefasst. Ich habe eine Tour entlang der Great Ocean Road fuer 150 AUD (also dank des schwachen Dollars und dem starken Euro umgerechnet 75 Euro) bei einem Reiseunternehmen gebucht, das sehr modern und jung klingt (http://www.ridetours.com.au/site/index.php). Weitere Tagestouren nach Melbourne und Umgebung plane ich bereits, sowie Fluege nach Sydney und Tasmanien. Bisher habe ich eben immer darauf gehofft noch andere zu finden, die mit Australien erkunden. Corinna, Sara und Nadja vom Volleyball haben da auch zugesagt, aber wie das eben so bei vier Personen ist, dauert es bis man sich mal auf einen Zeitpunkt einigen kann. Eben drum habe ich beschlossen auch mal alleine was zu machen. An sich bin ich sehr gerne mit anderen zusammen, aber ich bin der Meinung, dass ich auch alleine die Zeit sehr geniesen kann. Schlieszlich will ich durch die Erfahrung "6 Monate Melbourne" auch persoenlich einiges lernen. Ansonsten habe ich mir einen Terminkalender angelegt und Ausstellungen, Museumsoeffnungszeiten und Festivals in der Umgebung sowie Maerkte eingetragen. Ich habe also in naechster Zeit wirklich vor etwas zu erleben!
Auf der Arbeit bin ich in der letzten Zeit dann wieder gut vorangekommen und konnte auch endlich mal mehrere Stunden am Stueck arbeiten. Die letzten Tage war ich wiedermal mit intensivem Recherchieren beschaeftigt. Wer auf der Welt hat schon was zu dem Thema geleistet und ist es verwertbar? Mein Sammelsurium von Papern umfasst nunmehr fast 80 Exponate. Alles Forschungsarbeiten die sich mit Ameisenkolonieoptimierung beschaeftigt haben! Das Thema will ich an dieser Stelle nicht erklaeren, spaeter werde ich das aber sicher tun :) Hat man dann endlich den Urwald von wissenschaftlichen Papern durchforstet und die Dokumente auf dem Rechner, so geht die wirkliche Schweinearbeit erst einmal los: Paper lesen. Anfangs habe ich das recht gewissenhaft getan, aber angesichts des Zeitdrucks und der enormen Menge, habe ich mir inzwischen eine geeignete Technik zum Ueberfliegen angeeignet: "Einleitung"...weiterblaettern bis zum..."Fazit". Kommt was verwertbares raus, dann muss zurueckgeblaettert werden und man muss sich durch das Paper kaempfen. Dann geht es zum Schluss noch zu den Quellenangaben, die nach moeglichen Kandidaten fuer weitere herunterzuladende Paper analysiert werden muessen. Der Unialltag war da irgendwie schoener. Da holt man sich das Buch zur Vorlesung und erfreut sich nebst einiger bunter Bilder im Buch auch einer halbwegs einheitlichen Terminologie. Ihr koennt euch sicher vorstellen, was dabei herauskommt, wenn Forscher aller moeglicher Laender Paper schreiben...
Vor zwei Wochen habe ich dann auch endlich angefangen alles bisher herausgefundene in das geeignete schriftliche Format zu bringen um mir das Nachschlagen in den Papern zu ersparen. Mit meinem Projektchef habe ich sehr regelmaeszige Besprechungen, meistens sogar zweimal die Woche, sodass ich ihn gut auf dem Laufenden halten kann und auch weisz ob meine Recherchen in die richtige Richtung gehen. Das Thema finde ich immernoch sehr interessant und ich habe mir auch schon auszerhalb der Uni Gedanken darueber gemacht: am Samstag nach dem Joggen bin ich in den Pool gesprungen und weil der arschkalt war, hab ich mich dann schnell wieder an den Poolrand gesetzt und mich in der Sonne aufgewaermt. Dabei habe ich Ameisen beobachtet und ihre Pfade verfolgt. So eine kleine Ameisenwelt ist schon wirklich lustig. Jedoch sind am Pool nicht gerade die intelligentesten Ameisen vertreten, sodass einige Ameisen sehr seltsam vom Weg abgekommen sind. Lustig, dass wir von diesen kleinen simplen Tieren etwas lernen, wie man grosze schwere Probleme loest. Als ich das dann Kent erzaehlt habe, hat er sich gefreut und meinte, dass es ein gutes Zeichen waere, dass ich mich auch im wirklichen Leben mit der Thematik befasse.
Ich denke jetzt alles in allem schon etwas anders ueber das wissenschaftliche Arbeiten, weil ich die enorme Ausdauer, die dazu von Noeten ist, bisher unterschaetzt habe. Ich bin aber zuversichtlich, dass ich meinen Rhythmus finde :)
Dieser Blogeintrag ist sicher fuer die meisten langweilig, aber super fuer all diejenigen, die wirklich wissen wollen was mich in der letzten Zeit bewegt hat. Vielleicht sollte ich das auch all den netten Verkaeufern im Supermarkt erzaehlen, die mich immer so hoeflich fragen wie es mir geht. Denn so geht es mir im Moment. Ich bin auf der Sucher nach meinem Rhythmus, denn was ich will weisz ich und hat sich auch nicht veraendert. Wissenschaftliches Arbeiten ist schwer, aber man darf sich dafuer in das Thema vertiefen das man wirklich mag.
No worries,
Julia
PS: Es gibt neue Bilder vom Turnier und von Guenni und mir in meinem Fotoalbum!
vor 13 Jahren
















